On The Road With Berengar – Veränder.Bar Wolfenbüttel, 20.07.2017

Ab und zu bin ich mit meiner kleinen Band BERENGAR unterwegs und musiziere wild herum. Manchmal passieren dabei witzige Dinge, manchmal passieren dabei frustierende Dinge, oft passiert aber auch eine lange Zeit gar nichts.

Wir nehmen uns gerne viel vor und reden uns ein, dass wir sehr produktiv sind und hohe Ambitionen haben. Das mit den Ambitionen mag stimmen, allerdings wirkt sich das selten auf unsere tiefe Kunst des Prokrastinierens aus. Daher kommt es auch, dass wir den 20. Juli 2017 schreiben und die Rumpelkapelle Berengar ihren ersten Auftritt des Jahres hat. Unser Studioaufenthalt liegt mehr als ein halbes Jahr zurück und der Öffentlichkeit können wir noch nichts vorweisen. Es wäre verständlich, hätten sich bereits alle von uns abgewandt oder würden denken, wir hätten uns aufgelöst.

An besagtem Donnerstag sollen wir in Wolfenbüttel in der Veränder.Bar spielen, einer kleinen Location, die von Studenten geführt wird und regelmäßig Konzerte und andere coole Actionen veranstaltet. Der ganze Abend findet im Rahmen eine Kulturaustauschs statt, was bedeutet, dass neben Kroner, unserem neuen besten Freund, auch eine französische und eine polnische Band den Abend mit ihrer Musik bereichern werden. Das klingt schon im Voraus nach einem großen Spaß. Moritz und Tschirch, aka Bonze und Kippe, etablieren sich an diesem Tag als vorbildliche Bandmitglieder und professionelle Musiker und erscheinen wie aufgefordert pünktlich um 14 Uhr am Ort des Geschehens mit einem Teil unserer Sachen. Yannik und Ich hingegen schlagen drei Stunden zu spät mit dem Rest auf und schlendern quasi direkt auf die Bühne zum Soundcheck. Währenddessen haben Moritz und Tschirch sich schon tiefe Freundschaften geschlossen, die über jegliche Ländergrenzen hinausgehen. Der Soundcheck war vermutlich der schnellste der Welt, wenn man nur unsere mitzählt. Ich hatte ja gedacht, dass wir das (noch mehr) verlernt haben nach so einer langen Pause. Equipment also wieder zur Seite gestellt und mit Kaltgetränk in die Ecke gesetzt. Nur ein Problem: der Laden ist noch ziemlich leer. Um dies zu ändern soll in den nächsten Minuten eine Truppe des Austauschs aufschlagen, die den kontinentalen Bands lauschen werden. Nun, ich weiß nicht, woran es lag. Vielleicht war es dem studentischen Umfeld geschuldet oder meiner fast schon ignoranten Unwissenheit dem Auftritt gegenüber, aber ich war der festen Annahme, dass besagte Austauschtruppe in einem studentischen Alter sein wird. Mein Weltbild wurde also komplett über den Haufen geworden, als nun ca. 30 Teenager im Alter von 13 bis 17 in die Bar spazieren und die pubertäre, unsichere Ausstrahlung mitbringen, die mich fast zurück in meine eigene Adoleszenz schießt. Zwischen drehenden Fidget Spinnern (not even joking) und Smartphones, die das erste Mal auf deutschem Boden WLAN Zugriff haben, steigt Kroner auf die Bühne, doch nicht mal seine gigantische Stimme kann die Reaktion aus den Kids holen, die sie verdient hätte. Der Gastauftritt von Moritz und Tschirch als Backgroundsänger auch nicht.

Ohne groß auf irgendwas zu warten steigen wir auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Wir spielen für unsere Verhältnisse ziemlich tight und auch nicht viel schneller als im Proberaum. Trotz der Smombies (kill me) kriegen wir Applaus und haben unseren Spaß auf der Bühne, machen blöde Wortwitze über den Namen des Auftrittsorts, verkacken das erste Mal nicht den 7/4 Takt, nichts geht kaputt und sind einfach allgemein alle entspannt und gelassen. Das war letztes Jahr noch nicht so! Die Comeback Tour ist halt einfach immer entspannter, da hat man ja schon früher was geleistet und kann sich auf seinen Lorbeeren aufruhen. Nach nicht geplanter Zugabe verlassen wir die Bühne und entspannen. Wir machen unseren kleinen Bauchladen auf und verkaufen tatsächlich 1 (in Worten: EINE) CD. Interessant war es dann aber schon zu sehen, wie sich eine Gruppe rumänischer Teenager hochkonzentriert, auf einer Fensterbank sitzend, unsere Songtexte durchliest und dabei alle zehn Sekunden „geheim“ zu uns schaut. Sie haben also entweder a) nichts verstanden, b) fanden es so schlecht, dass sie uns mit ihren Blicken strafen wollten oder waren c) unglaublich entsetzt, dass eine scheinbar so glückliche Truppe Jungs mit Secondhand Klamotten und fragwürdigem Humor solch tieftraurige und durchdachte Texte fabrizieren kann. Entscheidet selbst, was es denn nun wohl war.

Die polnische Band ATME bestechen allein schon dadurch, dass ihr Gitarrist 1:1 aussieht wie Dan Auerbach von den Black Keys. Zusätzlich dazu macht er innerhalb eines Songs (zugegeben, die waren alle mindestens acht Minuten lang) alles mit der Gitarre, was ich in meinem ganzen Leben tun wollte. Unverschämtheit. Spätestens als dann Bievers Valley aus Frankreich auf die Bühne steppen, ihre tanzbare Musik anstimmen und jedes Klischee über Franzosen anheizen, brechen in der Veränder.Bar alle Dämme. Die Teenager reißen sich aus den Fängen ihrer Smartphones los und beginnen tatsächlich zu tanzen. Der Sauerstoff verschwindet, die Temperatur steigt. Die Baskenmützen fliegen, das Akkordeon schwingt, sie haben tatsächlich Rotwein und Käse dabei (!!!). Wir haben uns mittlerweile an einem Tisch weiter hinten platziert und beobachten dieses Spektakel, das jeder Philosoph als Absurd bezeichnen würde. Schön war es aber trotzdem.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.