Eigentlich sind Reviews veraltet und unnötig

Wenn ich an Musikredakteure denke, denke ich an Rezensionen und erschaffe in meinem Kopf ein Bild, wie das gesamte Redaktionsteam morgens bei Chai Latte ausgiebig über die neusten Releases diskutiert und ein gemeinsames, adäquates Urteil fällt. Dass dies aber anscheinend nicht der Fall ist, sieht man spätestens, wenn man einmal in die Rubrik für Rezensionen auf einer der großen, deutschen Musikwebsites schaut. Genau das habe ich nämlich getan und das hat mich zu einigen Observationen und Gedankengängen geführt.

Abgespeist

Anscheinend gibt es für die Rezensionen ein Wörterlimit, denn jedes Album, egal wie antizipiert, wird in ungefähr 300 Wörtern abgespeist. Oft bekommt man das Gefühl, dass der Redakteur eigentlich viel weiter ausschweifen wollte und vielleicht sogar eine starke und verstrickte Meinung hatte, aber durch das Limit früher abbrechen und zum Ende kommen musste, als er oder sie wollte. Dies führt zu einem Gefühl der Massenabfertigung, besonders, wenn man mehrere Rezensionen hintereinander liest. Da wird wirklich Interessierten die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Generation Internet zum Verhängnis. Ich würde zu vielen Alben gerne eine ausführliche, von mir aus zehn Seiten lange, Rezension lesen, die alle Details beinhaltet, die dem Schreiberling aufgefallen sind.

Der Zwiespalt

Wird das zweite Album eines Künstlers  unter die Lupe genommen, kann man sich ziemlich sicher sein, dass eine der beiden folgenden Kategorien zur Sprache kommt. Wenn Künstler XY eine Wende im Musikstil gemacht und sich getraut hat etwas auszuprobieren, vielleicht neue Instrumente einbaut, andere Songstrukturen oder einfach nur Gitarrensounds testet, wird die Platte häufig sehr schnell zerrissen. Der Künstler ist vom Weg abgekommen, kopiert Band YZ zu sehr und all so Argumente. Aber mal angenommen eine Band ändert nichts an ihrem Rezept und geht genauso voran wie zuvor auch, dann ist sie einfallslos und hat versäumt sich zu entwickeln. Eigentlich kann man also gar nichts richtig machen mit dem schwierigen, zweiten Album. Sorry.

Warum sollte ich auf dich hören?

Warum sollte man überhaupt auf einen Redakteur hören? Was macht die Meinung dieser Person wichtiger, als andere und das auch noch bei einem subjektiven Thema? Besonders in der heutigen Zeit von Streaming und YouTube und so vielen verschiedenen Möglichkeiten Musik zu konsumieren, warum sollte man sich etwas von einer wildfremden Person sagen lassen? Ich kann verstehen, dass Rezensionen früher unglaublich praktisch waren und vielen Leuten Geld gespart haben, da man sich ein Album meist kaufen musste, um es zu hören und wer will schon Geld für die Platte ausgeben und sie dann nicht mögen. Aber in der heutigen Zeit ist der Kauf eines Albums doch eh etwas sehr exklusives, etwas was man zum Großteil nur tut, wenn man wirklich große Zuneigung zur Musik verspürt. Möchte ich wissen, wie das neue Album von Warpaint oder Jamie T geworden ist, dann höre ich mir es im Zweifel einfach bei Spotify an. Der eigentliche Nutzen von Rezensionen ist verloren gegangen.

Was sind schon Genres?

Ein weiterer Grund, warum Plattenrezensionen in jetziger Form meiner Meinung nach veraltet sind ist, dass sich das Hörverhalten und die Art, wie Musik wahrgenommen und konsumiert wird, verändert hat. Viele Hörer geben überhaupt nichts mehr auf Genres und Schubladendenken, wenn sie Musik hören. Wenn sie etwas mögen, mögen sie es halt, ganz egal, welches Genre es ist. Da Musik heutzutage meist eh ein Mix aus allen verschiedensten Genres ist, ist das auch vollkommen verständlich. Doch genau da hängen viele Rezensionen der Zeit hinterher – sie versuchen ein Album in eine Schublade zu stecken und es mit aller Kraft einzuordnen. Klar macht es Sinn dem Leser vielleicht ein kleines Bild in den Kopf zu setzen mit Beispielen, wie es klingt, aber macht es wirklich Sinn eine Band in eine Ecke zu dringen, in die sie gar nicht möchte und die vielleicht nur ein kleiner Einfluss im großen Gesamtbild ist?

Einfühlungsvermögen

Und damit bin ich auch schon bei meinem letzten Punkt angekommen. Ich hab das Gefühl, dass sich Redakteure viel zu wenig Zeit nehmen mit den Rezensionen und oft gar nicht versuchen zu verstehen, was ein Künstler mit einem Album vorhatte und was die wirklichen Intentionen hinter manchen Entscheidungen sind. Es wird ein Wert in Form von Sternchen auf etwas gesetzt, was subjektiv für alle ist. Wenn ein Autor seine wirklich ehrliche, persönliche Meinung zu Musik gibt und wie sie ihn fühlen lässt und er oder sie versucht Intentionen aufzudecken und Verstrickungen zu entwirren, dann ist das wunderbar. Wenn aber nun ein Album nach bestimmen Schemata und Stichpunkten abgefertigt wird und komplett oberflächlich bewertet wird, wird das dem Künstler nicht gerecht und führt natürlich zu einer Großzahl an schlechten Bewertungen für ein Album.

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